Interview mit Michael Korwisi zur Radverkehrspolitik in Bad Homburg

Portrait von Michael Korwisi


? Können Sie sich daran erinnern, Michael, wann Sie das erste Mal auf einem Fahrrad saßen?
! Mein erstes Fahrrad habe ich zu Weihnachten mit elf Jahren - also 1963 - von meinen Großeltern geschenkt bekommen. Es war ein gebrauchtes "Jugendrad", mit 26Zoll-Rädern. Erstaunlicherweise ist es mir damit noch am Heiligen Abend gelungen, von Alt-Kirdorf nach Hause in die Nähe des Gluckensteinwegs zu fahren. Beim ersten Mal drauf - und es hat funktioniert. Und seitdem fahre ich ziemlich viel Fahrrad.
? Können Sie angeben, wieviel Kilometer pro Jahr?
! Ouh. Ich bin keiner, der genau misst und Strecken abfährt, aber ein paar hundert Kilometer kommen schon zusammen. Leider fehlt mir die Zeit, am Wochenende auch mal größere Touren zu machen. Dann würde vielleicht noch ein bisschen mehr zusammen kommen
? Sie wissen, das der ADFC ...
! Ich weiß, der ADFC macht tolle Touren. Ich denke auch manchmal mit Wehmut, wenn ich das Programm oder die Ankündigung in der Zeitung lese, da würdest du gerne mal mitfahren.Aber die Verpflichtungen hier im Amt halten mich leider fast an jedem Wochenende davon ab.
? Wann sind Sie zum ersten Mal auf den ADFC aufmerksam gemacht worden?
! Na, die Geschichte ist ein bisschen anders: Ich bin Gründungsmitglied des ADFC hier in Bad Homburg! Das muss wohl 1985 oder 1986 gewesen sein. Mit dabei waren Thomas Hetzer von der FDP, Arndt Weber und Christine Rupp, die immer noch in Bad Homburg dabei ist. Wir hatten Anfang bis Mitte der Achziger Jahre - die autogerechte Stadt war gerade fertig, es gab kaum noch Radwege oder  überhaupt irgendwelche Möglichkeiten für den Fahrradverkehr, man hat sogar teilweise geglaubt, dass Fahrrad würde ganz abgeschafft - ziemlich heftige Diskussionen und auch noch Demonstrationen gehabt. Es gab legendäre Fahrraddemos zwischen der Humboldt-Schule und der Kaiserin-Friedrich-Schule und auf dem Hessenring entlang, das waren zum Teil schon ganz große Veranstaltungen, organisiert mit dem ADFC und Schülervertretungen. Wir hatten seinerzeit einfach gesagt: wir brauchen eine Interessenvertretung für die Fahrradfahrer, weil es in dieser Hinsicht in Bad Homburg nichts mehr gab. Der ADFC hatte sich noch nicht vor allzu langer Zeit auch hessenweit und bundesweit etabliert Wir haben seinerzeit als ADFC - da habe ich auch aktiv mitgearbeitet - die erste Radverkehrskarte für Bad Homburg, zusammen mit der Stadt, entworfen und drucken lassen.
? Es ist bisher leider auch die einzige geblieben.
! Ja, leider. Meines Wissen stammt sie aus dem Ende der achziger Jahre.
? Der ADFC würde sich freuen, wenn bei der weiteren Umsetzung des Radverkehrskonzepts in Bad Homburg das Radnetz wieder in einer Radverkehrskarte dokumentiert wird.
! Ja. Ich denke, das Radverkehrskonzept ist in seiner Anlage sehr gut. Es muss natürlich vermittelt werden etwa über eine Karte für diejenigen, die nicht alltäglich die gleichen Routen fahren. Ein Radverkehrswegesystem ist nur so gut, so gut es auch bekannt ist. Ich denke, dass wir -  wenn wir das Radwegenetz im Jahre 2004 so rund haben, dass wir sagen, 'es steht jetzt' - dann auch eine Karte machen sollten. Andererseits: wir sind in den letzten zehn Jahren doch schon relativ weit gekommen - es gibt Städte, in denen die Situation wesentlich schlimmer ist ...
? Es gibt aber auch Städte, die schon wesentlich weiter sind...
! Wie gesagt: wir haben in Bad Homburg relativ spät angefangen. Wir befinden uns, was den Straßenverkehr anbelangt, zum Teil in Zwickmühlen. In den 70er und 80er Jahren ist die Stadt mit vierspurigen Straßen ausgebaut worden, die häufig so angelegt wurden, dass für den Radverkehr wenig Platz im Straßenverkehr bleibt. Alle Maßnahmen und Verbesserungen auf den großen Straßen - die ja für den Alltagsradler so wichtig sind, weil man dort schnell vorankommt - sind baulich alle sehr teuer. Man kann nicht einfach nur einen Radstreifen abmarkieren, man muss - wie es zum Beispiel am Hindenburgring zwischen Urseler Straße und Untertor geschehen ist -  tatsächlich den Bürgersteig ein Stückchen kleiner machen. Das ist eine umfangreiche Tiefbaumaßnahme, die auf diesen 400 Meter fast 190 000 Euro für eine Straßenseite gekostet hat.
? Es gibt auch Alternativen. Gerade in der Verlängerung des Hindenburgrings, auf der Dietigheimer Straße, hat man dem Autoverkehr eine von zwei Fahrstreifen genommen und stattdessen einen Radstreifen abmarkiert.
! Das wäre natürlich für die Radfahrer das Beste. Allerdings wage ich bei dem Verkehrsaufkommen zu bezweifeln, daß das politisch durchzusetzen ist.
? Die ersten Maßnahmen im Zuge der Umsetzung des Radverkehrskonzepts sind im Bad Homburger Straßenbild seit Spätsommer 2002 erkennbar, die Vollwegweiser sind montiert worden. Was jetzt noch fehlt, sind die Zwischenwegweiser. Wie sieht dort die zeitliche Planung aus?
! Die Zwischenwegweiser werden jetzt in den ersten vier Monaten dieses Jahres aufgebaut werden. Wir werden bis zum Ende der Osterferien, wenn die Saison auch für die Freizeitradler so richtig beginnt, die Zwischenwegweiser aufgestellt haben. Das ist fest eingeplant.
? Es gibt im Rahmen des Radverkehrskonzepts eine ganze Liste von erforderlichen oder wünschenswerten Einzelmaßnahmen. Was mir grundsätzlich auffällt, ist, dass es in Bad Homburg so schwierig ist, Einbahnstraßen  für den Radverkehr in Gegenrichtung zu öffnen. Ich denke da zum Beispiel an den Haberweg oder an die Feldstraße, wo man durch Öffnung von 100, 150 Meter langen Abschnitten dem Radler Umwege ersparen könnte.
! Das ist richtig. Wenn ich die Zuständigkeit für diesen Bereich hätte, würde ich das auch umsetzen. Leider fällt es nicht in den Zuständigkeitsbereich meines Dezernates; ich kann nur dafür werben. Es wäre für mich auch ein großer Wunsch - es geht in vielen Städten, das Fahren gegen die Einbahnstraße geht  in Holland seit vierzig Jahren ...
? In Münster ist es kein Problem ...
! Man muß es ja nicht generell machen, sondern an einigen ausgewählten Stellen. Sie haben schon den Haberweg und die Feldstraße erwähnt, mir fällt noch die Frölingstraße ein. Und am Bürgerhaus Kirdorf sind die Pestalozzistraße und die Friedrich-Rolle-Straße  in einem kleinen Stückchen Einbahnstraße. Dort hat man richtig eine Sperre auf einem langen Radweg vom Kurpark, vom Kaiserin-Friedrich-Gymnasium, vom Seedammweg hoch in den Norden der Stadt, in den Eichenstahl, nach Dornholzhausen. Dort ist wirklich solch eine 150 Meter lange Barriere wegen zweier kleiner Einbahnstraßen. Dort könnte man mit einem Schlag, ohne dass es zehntausende von Euro kostet, ganz viele Verbesserungen erreichen. Die Vorschläge liegen auf dem Tisch, der ADFC hat sie gemacht, es gibt sie auch aus der Politik, aber zu meinem Bedauern ist die größte Fraktion (Anm.: CDU-Fraktion) da absolut unbeweglich. Ich hoffe, dass es uns im Laufe der Koalition - ich gehe mal davon aus, dass diese Koalition bis zum Ende der Legislaturperiode arbeitet, denn wir arbeiten eigentlich sehr gut zusammen - gelingt, unseren Koalitionspartner zu überzeugen. Wir bleiben da dran, aber die CDU-Fraktion ist hier auf einer Linie, von der sie sehr schwer abzubringen ist. Obwohl es nach der Straßenverkehrsordnung zulässig und rechtlich möglich ist - das brauch ich hier niemandem zu erzählen ...
? Eine Straßenbreite von 3,50 Metern rechtfertigt eine Öffnung auf jeden Fall, eine Straßenbreite von 3 Metern, wenn Ausweichmöglichkeiten bestehen. Und diese Breiten sind auf dem Haberweg und der Feldstraße gegeben. Wo kann da ansetzen, um bei der CDU-Fraktion ein Umdenken einzuleiten?
! Wichtig ist, dass man diejenigen, die mit dem Fahrrad fahren, anspricht. Man muss überzeugen und man muß klarmachen, dass man Verkehrspolitik nicht nur aus der Sicht - und das machen immer noch viele, wir sind ja fast alle Autofahrer - und mit dem Blickwinkel hinter der Windschutzscheibe machen darf, sondern sich vielleicht mal auf ein Fahrrad setzen muss. Man sollte vielleicht ein Angebot machen: lieber Verkehrsausschuss, wir machen mal eine Radtour, und dann könnt Ihr sehen, was für einen Umweg man machen muss, wenn man zum Beispiel aus dem Industriegebiet an die U-Bahn fahren will. Den direkten Weg kann man wegen der Einbahnstraßen nicht fahren.
? Wie groß schätzen Sie die Bereitschaft der Mitglieder des Verkehrsausschusses ein, solch eine Stadtberadelung mit zu machen?
! Das haben wir früher auch schon gemacht. Wenn wir rechtzeitig einen Termin ansagen - ich würde mich auch beim Vorsitzenden (Anm: Hr. Sothmann) dafür verwenden, wenn der ADFC Herrn Sothmann anspricht -,  ist man da sicherlich aufgeschlossen. Wenn man die Situation zunächst an der Karte demonstriert, aber dann auch vor Ort mal sieht - wenn man zum Beispiel an der Langen Meile ankommt und schön die Feldstraße hinunter fahren könnte, aber stattdessen die zwar nicht hohe, aber doch längere Steigung in der Langen Meile hoch fahren muss, um weiter zu kommen in die Richtung, in die man will -, dann hat das vielleicht auch etwas Wirkung.
? Michael, ein weiterer Knackpunkt innerhalb des Radverkehrskonzepts, gegen den der ADFC sich frühzeitig gewandt hat, war die geplante Radführung über die neue Fußgängerbrücke über den Hessenring. Wir haben jetzt mit Freude festgestellt, dass seit zwei Tagen ein dauerhaftes Fußgänger-Schild am Aufgang zur Brücke montiert ist. Heisst das, dass damit die Radwegeführung über die Fußgängerbrücke mit ihrer steilen Treppe ad acta gelegt ist?
! Die Straßenverkehrsbehörde hat offensichtlich diese Fußgängerbrücke als Weg alleinig für Fußgänger festgesetzt. Nach der Beschilderung ist damit der Fahrradverkehr ausgeschlossen  ... Offen gesagt, ich bin nie ein Freund dieser Brücke gewesen. Das Stadtparlament hat sie beschlossen, deswegen haben wir sie auch gebaut. Allerdings ist die Führung des Radwegenetzes über diese Brücke ein echter Schildbürgerstreich. Das muss man wirklich sagen. Zugegebenmaßen ist es trotzdem schwierig, diese breite Straße, den Hessenring, zu queren. Man muss am Marienbader Platz queren und man kann, wenn man von Süden kommt, am Hohlebrunnen queren, aber eine Führung über eine Fußgängerbrücke, die an einer Seite nur eine Treppe und einen Aufzug hat ...
? ... der auch gestern abend schon wieder defekt war ...
! ... allerdings mutwillig beschädigt - wie ich heute morgen gehört habe -, das ist ein Schildbürgerstreich.
? Wer entscheidet über solche Änderungen - wie hier bei der Fußgängerbrücke - in der Radwegeführung?
! Das macht die Straßenverkehrsbehörde im Dezernat von Frau Dr. Jungherr. Sie legt die Beschilderung fest und sie muss jetzt unabhängig und autonom entscheiden. Sie ist ja eine staatliche Behörde und keine Behörde, die der Stadtverordnetenversammlung oder der Gemeinde Rechenschaft ablegen muss. Ich könnte mir vorstellen, dass man dort zu dem Ergebnis gekommen ist, dass es auch viel zu gefährlich ist. Jemand, der sich nicht so richtig auskennt, fährt richtig schnell vor und steht dann plötzlich vor dieser Treppe - da geht's ja immerhin sechs Meter runter ...
? ... wenn er rechtzeitig zum Stehen kommt ...
! ... das ist nicht ganz ungefährlich. Möglicherweise hat die Straßenverkehrsbehörde gesagt, das wollen und können wir nicht verantworten und deswegen geben wir die Brücke nur für Fußgänger frei. Ich hoffe auch, dass es dabei bleibt. Offiziell können wir nicht ... nein, nein, das geht einfach nicht! Es ist Unsinn.
? Michael, um nochmal zum Radverkehrskonzept und dessen Finanzierung zurückzukommen: im Haushaltsplan 2002 war für die Haushaltsstelle "Radverkehrskonzept" ein Betrag von 150 000 Euro eingestellt. Davon wurden 2002 gerade mal 28 000 Euro entnommen und verbraucht. Das sind weniger als 20%. Wieso?
! Das liegt daran, dass wir seitens des planenden Fachbereiches keine Hinweise bekommen haben, was wir machen sollen. Ich bin ja als Dezernent der Zuständige für den Bau, aber nicht für die Planung. Das Radverkehrskonzept wird im wesentlichen von der Stadtplanung betrieben und wir im Baudezernat setzen um, was die Stadtplanung uns vorgibt. Ich habe allerdings, nachdem wir auch 2003 wieder 100 000 Euro zur Verfügung haben, die Anweisung gegeben, dass wir jetzt verstärkt die kleineren Maßnahmen, die im Radverkehrskonzept zu verwirklichen sind und ausschließlich baulicher Art sind, im Straßenbau einfach angehen. Das sind ja häufig nur mal zehn Meter, mal fünf Meter, mal ist hier eine Schwelle, mal ist dort eine Bordsteinabsenkung. Dass wir da jetzt einfach mal dran gehen und nicht mehr lange auf Hinweise warten. Was wir jetzt relativ kurzfristig machen werden, ist der Ausbau eines Weges zwischen der Gotenstraße und der Langen Meile. Das ist derzeit ein Feldweg, den man zwar auch jetzt schon mit einem guten Fahrrad fahren kann. Wir werden den Weg mit einer wassergebundenen Decke herrichten. Das wollten wir bereits im letzten Jahr noch machen, hat aber aus ausschreibungs- und vergaberechtlichen Gründen ein bisschen geklemmt. Wir haben allerdings auch - dass muss man vielleicht sagen - aus dem Straßenbau Maßnahmen des Radverkehrs mitfinanziert. Deshalb ist diese Haushaltsstelle nicht ausgeschöpft worden. Es ist also wirklich nicht so, dass wir garnichts gemacht haben. Wir haben den Radweg an der Seulberger Strasse ausgebaut, den Radweg an der Homburger Straße ausgebessert, und dieser Radweg parallel zum Foeller Weg steht jetzt an.
? Von den 122 000 Euro, die im vergangenen Jahr nicht ausgeschöpft wurden, ist nur ein relativ kleiner Betrag, nämlich 22 000 Euro, ins neue Haushaltsjahr übernommen worden. Neu eingestellt sind 50 000 Euro ...
! ... und auf Antrag der FHW (Anm.: Freie Homburger Wähler) und Beschluss der Stadtverordnetenversammlung nochmal 50 000 Euro. Wir haben jetzt mit den alten Mitteln, wenn sie übertragen werden - das entscheidet die Kämmerei - im Jahr 2003 mehr als 100 000 Euro zur Verfügung. Gerade vor dem Hintergrund, dass wir im letzten Jahr in der Tat nicht so viel gemacht haben, bin ich schon entschlossen, diese 100 000 Euro mit baulichen kleineren Maßnahmen auch umzusetzen. Wir werden uns das Radverkehrskonzept daraufhin anschauen, es gibt immer noch diese kleinen Knackepunkte. Da würde ich mir auch wünschen, daß der ADFC uns einfach Hinweise gibt und sagt: Da könnt Ihr mit relativ kleinen Mitteln - das kostet vier-, fünftausend Euro - ansetzen. Das wäre auch für mich hilfreich, wenn wir da vom ADFC Ratschläge bekämen, die wir schnell umsetzen können. Was ich gerne machen würde, betrifft - wie vorne schon kurz erwähnt - diesen kleinen Bereich zwischen Götzenmühlweg und Kirdorfer Bürgerhaus entlang der Pestalozzi-Straße. Dort könnten wir zum einen den Fahrradverkehr in der Pestalozzi-Straße durchgängig machen - gegebenfalls auch durch Aufhebung der Einbahnstraße - zum Beispiel durch ein "Durchfahrt verboten außer Anliegern und Fahrradfahrern" in beiden Richtungen, das wäre eine Möglichkeit, zum anderen müsste man baulich auf der Friedrich-Rolle-Straße an der Ecke Stedter Weg ein bisschen was machen, um rüber ans Kirdorfer Bürgerhaus und weiter zur Hofheimer Straße zu gelangen. Das ist so ein Punkt, wo man dann vielleicht aber auch 50 000 Euro investiert. An dieser Stelle müssen wir etwas bauen, da ist eine große, breite Einmündung der Friedrich-Rolle-Straße in den Stedter Weg. Das haben wir uns schon angeguckt und wir überlegen, was wir machen können. Man muss natürlich auch sagen, mit 100 000 Euro kann man heute keinen Radweg mehr bauen. Eine richtig große Tiefbaumaßnahme, mit Bau eines Weges: 100 000 Euro, da ist man bei dreihundert, vierhundert Metern, bei günstigen Gegebenheiten vielleicht auch 600 Meter, aber dann schon am Ende.
? Häufig sind es ja nur kleine chirurgische Maßnahmen, um den Radverkehr an Stellen, an denen es bisher nicht möglich war, durchzulassen. Dazu zählen auch Fahrbahnmarkierungen, die einen Radstreifen abtrennen.
! Wir werden mit Sicherheit in diesem Jahr aktiver sein als im letzten, das ist versprochen. Ich will doch noch etwas zu dem Geld sagen - weil das war ja doch durchaus etwas in der Kritik -, aber ich nun auch Sportdezernent, und im Herbst war klar, dass dieses Geld, das uns zur Verfügung stand, nicht mehr für den Radverkehr ausgeben werden kann. Es war auch ein großer Wunsch der Sportvereine, speziell des SC 99, eine Verbesserung (des Sportplatzes) an der Sandelmühle herbeizuführen.
? Mit 600 000 Euro!
! Ich war froh, dass ich auf dieses Geld zurückgreifen konnte. Na gut, das ist aber auch eine Sache, die dann 15 Jahre hält und die Möglichkeiten der sporttreibenden Vereine und der Kinder und Jugendlichen, die dort spielen,  ganz vehement verbessert. Damit hat man rund ums Jahr einen Sportplatz, auf dem man spielen kann. Deswegen ist das Geld nicht verplempert oder nicht falsch ausgegeben worden, sondern sehr sinnvoll eingesetzt worden.
? Jetzt bitte ich Sie andererseits um Verständnis, dass es nicht leicht nachvollziehbar ist, dass für diese eine singuläre Maßnahme für einen Sportplatz 600 000 Euro, auf der anderen Seite für die Verbesserung der Infrastrukur für die Radler im gesamten Stadtgebiet nur 22 000 Euro ausgegeben wurden.
! Wir sollten in diesem Jahr wirklich nochmal ein Fachgespräch machen, zu dem noch andere vom ADFC dazu kommen können. Ich bitte den Produktverantwortlichen für den Straßenbau hinzu. Dann machen wir hier Nägeln mit Köpfen und sagen: da, da und da sind bauliche Maßnahmen und die setzen wir mit den Mitteln, die wir haben, um.
? Michael, ein anderer Punkt, der uns als ADFC relativ wichtig erscheint, ist die Einrichtung einer Radstation am Bad Homburger Bahnhof. Es hat im letzten Spätsommer dort schon eine Ortsbegehung gegeben, die ehemalige Expressguthalle bietet sich exzellent dafür an: sie hat einen ebenerdigen Zugang, steht zur Zeit leer und ist geräumig. Dort könnte man in einer Radstation - auch hochwertige - Fahrräder wetter- und diebstahlgeschützt abstellen. Das Pendeln mit dem Fahrrad zum Bahnhof und dann mit S-Bahnen weiter nach Frankfurt oder ins Umland hinein kann damit gefördert werden. Was halten Sie grundsätzlich von dieser Idee?
! Super, die Idee ist absolut super. Sie ist auch in der Koalitionsvereinbarung zwischen der CDU und den GRÜNEN aufgenommen und wird da auch unterstützt. Das Problem ist: wir sind nicht Eigentümer des Bahnhofes. Wir könnten uns als Stadt noch viel mehr im Bahnhof vorstellen; der macht ja nun einen sehr, sehr traurigen Eindruck. Nur: nach der Privatisierung der Bahn ist die Situation für die Kommune noch schlechter geworden. Als die Bundesbahn noch die Bundesbahn war, wussten wir wenigstens, wer unser Ansprechpartner ist. Heute wechselt alle halbe Jahr der Ansprechpartner, ständig gründen sich irgendwelche Unterabteilungen der Deutschen Bahn AG, die dann wieder neue Ansprechpartner sind, und es geht dort nicht weiter. Ich bin nun auch als Denkmaldezernent am Bahnhof interessiert. Über kurz oder lang wird es dort reinregnen und das Gebäude wird beginnen zu zerfallen. Nur - bei der Bahn bewegt sich absolut nichts! Es werden immer nur Versprechungen gemacht, die aber dann nicht umgesetzt werden. Ich weiss wirklich nicht mehr, was man da noch als Stadt machen kann. Ich hoffe, dass wir den Denkmalschutz als Hebel ansetzen können, um in irgendeiner Form am Bahnhof etwas zu bewegen. Wir wären bereit - das steht auch in den Koalitionsvereinbarungen -, zu einem gewissen Preis den Bahnhof zu erwerben, wohl wissend, das wir dann sehr viel Geld in die Renovierung stecken müssten. Lieber wäre es uns, wenn das ein privater Investor macht oder die Bahn selber. Allerdings halte ich es schon für sinnvoll, in der Expressguthalle eine "Fahrradgarage" einzurichten. Das würde auch die Situation der Berufspendler, die mit dem Fahrrad und der Bahn fahren, extrem verbessern. Fahrräder kosten heute nicht mehr 200 Mark, die richtig guten kosten 800, 900 Euro oder mehr -  und die stellt man nicht einfach so auf den Bahnhofsvorplatz, selbst wenn man noch so gute Schlösser hat. Da will man schon auch ein bisschen Sicherheit haben. Auch wegen des Komforts: es ist dort trocken, bei den nicht so teuren Fahrrädern kann man dann vielleicht auch mal, während man am Arbeitsplatz ist, die eine oder andere Inspektion durchführen lassen. Das wäre auch sehr schön, wenn dieser Service mit angeboten würde. Es muss nicht sein, würde aber den Service verbessern. Für Wochenendbesucher könnte am Bahnhof auch die Möglichkeit bestehen, Fahrräder auszuleihen. Das alles könnte man kombinieren, deswegen hat das meine vollste Unterstützung. Nur ... wir sind hier in der Stadt alle einer Meinung. Das fängt beim Oberbürgermeister an und hört beim 59. Stadtverordneten auf. Wir würden sofort hier aktiv werden, wenn sich die Bahn bewegen würde. Und das tut sie nicht.
? Wir als ADFC hatten kurz nach der Ortsbegehung, die von der FHW initiiert worden war, Gespräche auch mit dem zuständigen Bahnhofsmanager geführt, der auch sehr aufgeschlossen war ...
! Es sind immer alle aufgeschlossen bei der Bahn, nur es passiert nichts.
? Was halten Sie davon, zu einem Runden Tisch einzuladen, an dem zum Beispiel Vertreter der Bahn, des Stadtplanungsamtes, der Fraktionen, der "ADFC-Entwicklungsagentur für Fahrradstationen" aus Nordrhein-Westfalen, der ADFC in Bad Homburg und Sie zusammen kommen, um endlich mal Perspektiven festzuzimmern?
! Ich bin bereit, dort bei allen Sachen mit zu machen. Das würde sicherlich wieder etwas anstoßen und wieder mal etwas Bewegung rein bringen. Ich will jetzt auch nicht gleich sagen, dass es ausgehen wird wie das Hornberger Schießen. Wir müssen da wirklich dran bleiben und wenn mal wieder eine neue Idee kommt, Bewegung reinzubringen, bin ich sofort dabei. - Wobei man diese Radstation auch ohne große Umbauten und ohne dass die Stadt Eigentümer des Bahnhofs wird oder ohne dass der Bahn große Kosten oder überhaupt keine Kosten entstehen, umsetzen könnte ... man müsste einfach sagen: Macht das mal. Ich denke, auch der ADFC würde vermitteln, um schnell jemanden zu finden, der das betreibt. Das muss ja nicht die Bahn machen, das muss auch nicht die Stadt machen. Insofern denke ich schon, dass wir eine Lösung finden würden. Wenn Sie zu einem Runden Tisch einladen, sehen Sie da aber bitte auch zu, dass man bei der Bahn jemanden schickt, der auch Entscheidungen treffen kann. Das ist immer unser Problem. Wenn wir nach einem halben Jahr wieder mit der Bahn sprechen, sind die Ergebnisse des ein halbes Jahr zurück liegenden Gesprächs einfach nicht mehr präsent und wir müssen wieder von vorne anfangen.
? Um zum Abschluss dieses Interviews zu kommen: Michael, was erhoffen Sie sich vom ADFC? Sie haben vorhin angedeutet, dass wir Anregungen geben können, was konkrete bauliche Einzelmaßnahmen in der Umsetzung des Radverkehrskonzepts angeht. Was können wir sonst noch tun?
! Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Unterstützung und Hinweise, wo kann die Stadt was für den Fahrradverkehr tun, für beide großen Gruppen, die das Fahrrad nutzen, für die Freizeitradler und für die Alltagsradler. Wichtig ist es auch, dass der ADFC für das Verkehrsmittel Fahrrad weiter wirbt und sagt: Das ist ein attraktives Verkehrsmittel. Als GRÜNEN-Politiker liegt mir natürlich auch daran, dass wir den umweltfreundlichen Verkehr fördern. Das Fahrrad ist nun mal das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Das heisst, die Öffentlichkeitsarbeit des ADFC für das Fahrrad soll weiter gehen, soll vielleicht noch intensiviert werden - soweit das bei der ehrenamtlichen Arbeit möglich ist-, um für dieses Verkehrsmittel zu werben. Jede Entlastung im motorisierten Individualverkehr bringt uns ein Stückchen weiter, was den Kohlendioxid-Ausstoss, die Lärmemission und generell die Verkehrsfrage anbelangt.
? Michael, wir danken für dieses Gespräch.

Das Interview führte Volker Radek 2003-01-22.